Ein Gedicht aus den Memoiren meines Großvaters, das erst in Misiones, im nördlichen Argentinien, vollendet wurde. Es zeugt von Stärke und Freiheit, von Hoffnung, einen Neuanfang im Unbekannten zu wagen. Bestärkt durch seinen Glauben und frei von Schuld und Reue.

„So lebt denn wohl! Der Würfel ist gefallen.
Wir fahren mit dem Dampfer in die Welt
zu fernen Ländern, wo vom Himmelszelt
allnächtlich andere Sterne niederstrahlen.
Verschwunden ist die heimatliche Küste
und vor uns liegt die weite Wasserwüste
Und wiegt sich in der Abendsonne Strahlen.
Der Sonne nach, zum Westen und zum Süden,
ziehen wir auf breiter Straße unsere Bahn.
Ein kleines Boot im großen Ozean
muss unser Schiff dem Sturm die Stirne bieten.
Doch wie gewaltig auch die Wogen rollen,
die es in dunkler Nacht zerschmettern wollen,
es trotzt der Elemente blindem Wüten.
Der Morgen graut. Es glätten sich die Wellen
und mit des neuen Tages hellem Licht
das mühsam durch die Wand der Wolken bricht,
zieht wieder Hoffnung ein in unsere Seelen.
Hält auch Gewölk die Zukunft uns verborgen,
der Herr der Welten weiß um unsere Sorgen
und wird den Sturm zur rechten Zeit befehlen.
Und weiter geht’s im Sonnenschein und Regen.
Dort hinter uns liegt die Vergangenheit.
Der flüchtigen Stunde gleich im Strom der Zeit,
mit Hoffnungen, mit Sorgen reich beladen,
Braust unser Schiff den dämmernden Gestaden
der Zukunft, die da vor uns liegt, entgegen.
„Land, Land im Westen“, geht’s von Mund zu Munde.
Von Schaffenslust, von Tatendrang beseelt,
begrüßen freudig wir die neue Welt.
Ein Monument auf felsenfestem Grunde
ragt hoch empor mit ausgespannten Armen
will Gottes Sohn voll Güte und Erbarmen
Uns alle segnen in der weiten Runde.
Bald wird das Ziel der weiten Fahrt sich zeigen,
das Häusermeer der großen Hafenstadt.
Nur wenig Tage muss das Sonnenrad
am Firmament noch auf und niedersteigen.
Dann wird mit fremden Lauten, fremden Sitten
den ersten Gruß das neue Land uns bieten,
dem wir uns wollen geben ganz zu eigen.
Hoch in den Lüften, wo die Adler schweben,
sind seine Farben weit hin ausgespannt,
im Ätherblau das Weiss der Wolkenwand.
Symbole, die der Himmel ihm gegeben,
Vom Küstensaum bis zu den Andenzonen,
wo immer seine Landeskinder wohnen,
ein einig Volk dem Höchsten nachzustreben.
Ihr Schläfer, wachet auf! Im Dämmerscheine
liegt dort vor uns, im Dunkeln noch gehüllt,
das große Ziel, ein unvergesslich Bild.
Ans Ufer werfen wir die Ankerleine
und legen an. Die Landungsbrücken fallen.
Hinüber geht’s durch hoch gewölbte Hallen,
aufschimmernd in dem Glanz der Marmorsteine.
Von all den großen Häusern und Palästen,
die dicht gedrängt an breiten Straßen stehen,
An Pracht und Schönheit herrlich anzusehen,
gefällt die Kathedrale uns am besten.
Denn dort ist Christus wunderbar verborgen,
um alle, die beladen sind mit Sorgen
alltäglich neu zu stärken und zu trösten.
Wenn wir die Heimat auch verlassen haben,
die jedem Menschen lieb und teuer ist,
dass niemand sie auf Erden ganz vergisst,
die edelste, die schönste ihrer Gaben,
der Väter teures Erbe, unseren Glauben,
soll hier im fremden Land uns niemand rauben
bis wir in kühler Erde sind begraben.“
Franz Lüttig
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