Die Geschichte meiner Auswanderung und meines Siedlerlebens im argentinischen Urwald, in Eldorado (Misiones).
Von Franz Lüttig (20.9.1898 – 29.4.1978), Wewelsburg, Kreis Büren (Westfalen).

Nun fingen bei mir allmählich die Sorgen an. In ganz kurzer Zeit würden wir am Ziel sein. Wie sollte man alles regeln und mit dem großen Gepäck fertig werden? Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Die Sirene des Schiffes kündete unser Kommen an. Am Ufer sah ich schon meinen Vetter Ignaz stehen. Er kam sofort auf das Schiff und half uns, das Handgepäck von Bord zu schaffen und in seinem Auto unterzubringen. Da das Schiff nicht weiter fuhr, konnte alles andere auf den nächsten Tag verschoben werden. Zudem war Sonntag, wo kaum Hilfe zum Abladen zu beschaffen war. Er brachte uns schnell auf Kilometer 9 in einem Hotel unter, noch dazu auf seine Rechnung. Am nächsten Morgen fuhr er uns nach Kilometer 28, wo zwei seiner Brüder eine große Viehweide angelegt hatten. Die Nachfrage nach Milch konnten sie kaum bewältigen. Zudem hatten sie auch eine große Pflanzung mit Yerbabäumen, aus deren Blätter der Mate gewonnen wird.

Die Zweige werden mitsamt den Blättern in Stücke gebrochen und in großen Sacktüchern zusammengepresst. Dann bindet man kreuzweise je zwei Ecken zusammen. Binnen 20 Stunden muss sie in der Regel zur Trockenanlage geschafft sein. Dort werden sie in großen Trommeln aus Eisenblech die sich über mäßigem Feuer drehen, einer Hitzeeinwirkung von über 100 Grad ausgesetzt und trocknen ein, ohne dass die Blätter die grüne Farbe verlieren. Ein breites Band, das sie durch einen mit Heißluft gefüllten Raum transportiert, vollendet den Trocknungsprozess. In einer provisorischen Mühle wird dann alles zu kleinen Stücken zerschlagen und kann, in Sacke gefüllt, wegtransportiert werden, um in dafür vorgesehenen Anlagen zermahlen zu werden und in handelsgerechten Packungen in den Handel gebracht zu werden. Man kann den Yerbatee trinken wie jeden anderen. Meistens wird er gelutscht. Man füllt die ausgehöhlte Frucht eines Rankengewächses mit einem entsprechenden Quantum, giesst gut heißes Wasser darüber, das die Vitamine und Wirkstoffe im Tee löst und lutscht dann das mit ihnen angereicherte Wasser mittels eines kleinen Röhrchens, Bombilla genannt. Meistens tun sich 3 oder 4 zusammen, und dann geht das kleine Gefäß von Hand zu Hand.

Am gleichen Tag gegen Abend brachte mein Vetter mit einem Lastwagen alles her, was sich an großem Gepäck auf dem Dampfer befunden hatte. Nur die Kiste mit dem Herd hatte man einmal fallen lassen. Aber der Schaden war gering. Für ein paar Wochen hatten wir nun unser Unterkommen. Das Essen wurde auf der Glut eines großen Baumstammes gekocht der jeden Tag ein wenig nachgeschoben werden musste. Streichhölzer brauchte man nicht. Denn das Holz war durch Anblasen und Auflegen von Maisstroh leicht wieder zum Brennen zu bringen. Man sah, dass es meinen Vettern nicht leicht gefallen war über die erste Zeit hinwegzukommen. Zum Kaufen war am Anfang kaum Geld. Statt die Dachschindeln anzunageln, hatte man Löcher hineingebohrt, kurze Holzstifte hineingetrieben und sie aufgehängt. Für die Küche hatte man gespaltene Stämme von Palmen als Wände benutzt, die mit ihrem unteren Ende im Boden steckten. In der Weide war eine starke Quelle. Das Wasser lief in einen großen Trog aus Brettern, sodass man jederzeit dort ein Vollbad nehmen konnte.

Es wurde Zeit für mich Land zu kaufen. Eldorado umfasst ein Gebiet, das im Norden den Piray-Mini zur Grenze hat und im Süden den Piray-Guazu. Es sind Flussnamen, die aus dem Wortschatz des Guarani stammen, einer Eingeborenensprache, die neben der Landessprache noch in weiten Bezirken Argentiniens, Brasiliens und Paraguays gesprochen wird. In Paraguay ist sie gleichrangig mit dem Spanischen und wird offiziell im Verkehr mit den Behörden zugelassen. „Piray-Mini“ bedeutet „kleines Wasser“, „Piray-Guazu“ „großes Wasser“. Im Westen bildet der Paraná, ebenfalls eine Bezeichnung, die dem Guarani entnommen ist und „gleich einem Meer“ bedeutet, eine Grenze, die so leicht nicht zu überschreiten ist. Nach Osten dehnt sich die Kolonie 50 km in Land hinein. Als wir in Eldorado ankamen, war bis km 33 schon viel Urwald aufgeschlagen. Ich wollte nicht allzuweit von der Hauptstraße sein, die vom Paraná durch die große Kolonie der Wasserscheide folgte mit vielen Windungen und Schleifen, die oft hätten vermieden werden können. Aber bei dem hügeligen Charakter der Landschaft war es im dichten Urwald, wo jede Übersicht fehlte, unmöglich die Straßenführung ohne Umwege festzulegen. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, kann man auf einer breiten Autobahn mit fester Asphaltdecke fast immer im gleichen Niveau in 15 Minuten nach km 9 zum Zentrum kommen, wo man früher eine Stunde brauchte.

In einer Entfernung von 2 Kilometern sowohl von der Hauptstraße wie auch von meinen Vettern wurde mir ein Los von 23 ½ Hektar Größe angeboten. Es entsprach nicht in allem meinen Wünschen. Aber das gibt es ja nirgendwo auf der Welt. Ich wurde mit dem Besitzer, einem Westfalen aus der Nähe von Bielefeld geboren, schnell einig. Nun mussten wir unsere Kisten und Kasten auf unser neues Besitztum bringen. Für einen guten Anfang war alles da. Etwas erntefähige Yerba ca. 2 1/2 Hektar, 5 Hektar aufgeschlagen und pflanzfertig. Ein großer Schuppen von 4 × 8 m Grundfläche, worin vor uns schon einmal drei polnische Familien gewohnt hatten. Außerdem ein guter Brunnen. Auf einem zweirädrigen Karren, Sulky genannt, brachte ich alles heran. Die Mula meiner Vettern war Arbeit gewohnt und schaffte es bald. Man konnte sie zu allem gebrauchen. Manchen Stamm, wenn er nicht allzuschwer war, hat sie herangeschleppt. Reiten konnte man sich auch. Aber von hause weg und nach hause waren für sie zwei Bezeichnungen, die sie sehr gut zu unterscheiden wusste. Von hause weg, war es fast unmöglich, sie aus dem Schritt in den Trab oder gar in einen Galopp zu bringen. Aber nach Hause zu war es das Gegenteil. Da ging es immer im Galopp. Meine Frau holte einmal die Post ab. Die besorgten damals die Almaceneros, die Besitzer der Kaufläden. Es waren 3 Kilometer, die sie reisen musste. Meine Vetter schärften ihr ein, es müsse jemand das Tier festhalten, bis sie richtig im Sattel säße,

um zurückzureiten. Der Almacenero half ihr. Aber er hatte wohl zu früh losgelassen. Mit einem Fuß im Steigbügel kam sie nicht mehr dazu das andere Bein über den Sattel zu bringen. Mit dem ganzen Körper auf dem Sattel liegend, mit der einen Hand sich festklammernd, in der anderen die Postsachen, kam sie zurück. Schließlich war die Freude, Post aus der Heimat zu bekommen, schon eine kleine Strapaze wert. Mich hatte man nicht vergessen. Ich hielt ein Exemplar des Stürmers in den Händen wo ein Artikel dick mit Rotstift umrandet war, der sich mit mir befasste, deutlich die Stelle angekreuzt, wo es hieß: kein Prophet ist beliebt in seinem Vaterlande. Damit war meine überstürzte Auswanderung gemeint. Es war ja auch wirklich die höchste Zeit gewesen. Denn am 6. Tage nach unserer Abfahrt meldete die Bordzeitung unseres Schiffes, dass Hitler die Macht in Deutschland übernommen habe.


Wir hatten eigentlich noch einen guten Anfang. Wie viele mussten zunächst einmal selbst für eine notdürftige Unterkunft sorgen. Wie oft fehlte Wasser, dass ein Brunnen gegraben werden musste. Und manchmal war die Mühe umsonst. Es gab Kundige, die mit der Wünschelrute umgehen konnten. Aber hundertprozentige Sicherheit hatte man nie. Ich habe selbst später einmal umsonst nach Wasser gegraben. Vor kurzem erzählte mir noch ein alter Kolonist, wie es ihm dabei erging. Er war noch Junggeselle und hatte noch nie einen Brunnen gegraben. Sein Fehler war, dass er den Brunnen zu breit anlegte und somit keine Stufen an den Wänden anbringen konnte, um dort für die Füße Halt zu finden und sich wechselseitig hochzustemmen. Er kletterte immer an einem Strick hinunter. Die Arbeit war schon vollendet, Wasser war gefunden. Er wollte nur noch sein Arbeitsgeschirr heraufbringen. Bei der letzten Kletterpartie riss das Seil und er stürzte 5 Meter tief hinunter und brach sich den Enkelknochen. Nun war guter Rat teuer. Denn er wohnte einsam. Mit Besuch war kaum zu rechnen. Er hatte immer wenig wert auf so etwas gelegt. Zu allem Unglück kam noch Regenwetter. Das Wasser würde steigen und er würde elendiglich ertrinken. 2 Tage und 2 Nächte musste er im Morast und Nässe, im Wasser des Brunnens, aushalten, bis zufällig Hilfe kam. Gerade bei Regenwetter, wenn man nicht arbeiten kann und kein Verdienst da ist, um Fleisch zu kaufen, streifen die Hiesigen überall herum, um mit ihrer Schleuder Vögel zu erwischen.

Die folgenden Verse sollen eine Warnung sein für alle, die sich in Gefahr begeben müssen:

Wenn die Totenvögel warten

Hacken, buschen, Schuppen baun,
für ein eigen Obdach sorgen,
dass er bald sich wohlgeborgen
kann der Zukunft anvertraun,
Alles soll der Siedler tun,
erst im Grab sich auszuruhn.
Will er gutes Wasser haben,
muss er einen Brunnen graben.

Voller Eifer fängt er an.
Mit viel Mühsal und Beschwerde
hackt er los die harte Erde,
bis er nicht mehr werfen kann.
Strick und Eimer müssen her,
Zug um Zug, nicht allzu schwer,
wird es glücklich ihm gelingen,
alles gut hinaufzubringen.

Ganz allein auf sich gestellt,
ohne Hilfe gräbt er weiter.
Keine Stufe, keine Leiter,
die zur Rast ihn stützt und hält,
wenn er steil nach oben geht.
Morgens, mittags, abends spät,
muss das starke Seil ihn tragen,
sich hinauf, hinab zu wagen.

Unermüdlich wird geschafft,
Tag um Tag und Stund‘ um Stunde,
bis der Boden tief im Grunde,
fast erschöpft schon seine Kraft,
feuchter wird und immer mehr,
gibt ihm sicheres Gewähr,
dass er nicht umsonst gegraben
und schon bald wird Ruhe haben.

Neu belebt mit frischem Mut,
geht es tiefer stets nach unten,
bis die Ader ist gefunden.
Wasser drängt sich gleich dem Blut
aus der Wunde jäh empor.
Wie erlöst kommt er sich vor.
Müde klettert er nach oben.
Dämmernd dunkelt es schon droben.

Niemand kann die Zukunft sehn.
Angelangt auf halber Höhe,
Über sich des Randes Nähe,
ist das Unglück schon geschehen.
Plötzlich reißt der starke Strick,
ohne Halt fällt er zurück,
hat im Sturz den Enkelknochen
schmerzhaft sich entzweigebrochen.

Finsternis und dunkle Nacht
um ihn her. Aus weiter Ferne
funkeln über ihm die Sterne
nieder in den Brunnenschacht,
wandern weiter Grad um Grad,
bis die Morgenstunde naht
und das warme Licht der Sonne
weckt die Welt mit neuer Wonne.

Hingekauert im Morast
unerträglich fast die Schmerzen
wartet er mit bangem Herzen,
nächtelang zwei Tage fast.
Regen folgt auf Sonnenschein.
Bald, es kann nicht anders sein,
wird das Wasser mählig steigen,
nimmt der Tod ihn sich zu eigen.

Neue Hoffnung! Zum Gebet
faltet er die beiden Hände,
dass der Himmel Hilfe sende,
ob es bald zu Ende geht,
ob im letzten Augenblick
sich noch wendet sein Geschick.
Ganz mit dem was kommt zufrieden,
nimmt er hin, was ihm beschieden.

Hungernd, frierend, wenn der Tag
schwindet und des Abend Kühle
folgt die Nacht in banger Stille
nur das Fieber ihn hält wach.
Bietet sich dem Schmerzensmann
endlich doch die Hilfe an.
Wird der Welt zu neuem Leben
glücklich er zurückgegeben.

Franz Lüttig

So war man oft in Gefahr, weil man die Arbeit nicht richtig anzufassen wusste.

Fortsetzung folgt schon bald…

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