Die Geschichte meiner Auswanderung und meines Siedlerlebens im argentinischen Urwald, in Eldorado (Misiones).
Von Franz Lüttig (20.9.1898 – 29.4.1978), Wewelsburg, Kreis Büren (Westfalen).

Wir müssen aussteigen. Um 7:00 Uhr sind wir in Posadas, der Endstation. Internationale Züge werden auf einer Fähre über den Paraná an das paraguayische Ufer gebracht und fahren dann weiter bis nach Asunción, der Hauptstadt des Nachbarlandes. Aber da haben wir ja nichts zu suchen. Mein erster Weg ist zum Stationsvorsteher wegen des Güterwagens und meinem Gepäck. Er versicherte mir, dass die Rückfahrt unseres Zuges erst in 2 Tagen fällig ist und gibt mir die Adresse einer Speditionsfirma an. Um 10:00 Uhr soll ein Flussdampfer den Paraná aufwärts nach Eldorado fahren, der vielleicht meine Kisten mitnehmen kann. Also ist Eile geboten. Während meine Frau das Handgepäck bewacht, hetze ich die Hauptstraße hinauf, eine ausgeflossene Schlucht mit elenden Bretterbuden an beiden Seiten, die nur noch auf das Umstürzen warten.

Im Kontor der Speditionsfirma werden wir nach kurzem Feilschen, das von der Gegenseite gewohnheitsgemäß schon längst einkalkuliert ist, schnell handelseinig. Binnen einer halben Stunde wird ein Lastwagen meine Kisten zum Ufer des Paraná befördern. Der Kapitän wird von ihnen informiert werden. Ich soll mir keine Sorgen machen. Es wird alles sachgemäß auf den Dampfer verladen werden. Wir verständigten uns leicht, denn der Leiter der Firma war ein Deutsch-Argentinier und sprach fließend deutsch. Ich glaube seinen Worten und lege seufzend 40 Pesos auf den Tisch. Die Quittung stecke ich ein und laufe zurück zu meiner Frau mit dem Handgepäck. Es ist alles noch da. Dann geht es zum Hafen, wo der Kapitän mit allem einverstanden ist. Er behandelt mich sehr zuvorkommend und ist von meinem Vetter Ignaz Meschede, mit dem er oft geschäftlich in Eldorado zu tun hat, schon über mich informiert worden. Ich kontrolliere, ob die Firma auch Wort hält. Man ist schon dabei, die Kisten auf den Lastwagen zu laden um sie zum Hafen zu bringen. Alles wird gut auf dem Dampfer, der unvergesslichen Cuñatay verladen. Der große Kleiderschrank wird auf das Kabinendach des Kapitäns gelegt, weil kein anderer Platz mehr zu finden ist.

Mit aller Gewalt wollen Eingeborene sich ein paar Pesos verdienen und mein Handgepäck auf den Dampfer bringen. Aber das kann ich selbst noch ganz gut tun.
Von Anfang an gelten wir auf dem Dampfer als Passagiere erster Klasse. Zu den Mahlzeiten bittet uns der Kapitän in seine Kabine. Der Raum auf dem Dampfer ist sehr beschränkt. Fast Kopf an Kopf drängen sich die Menschen. Die sanitären Einrichtungen sind jämmerlich, zu allem Überfluss nur 1 1/2 Meter von der Küche entfernt, die nur aus einer Herdplatte besteht, auf der ohne Pfannen und anderes Zubehör unaufhörlich Rindfleisch in dünnen Scheiben zu Schnitzeln gebraten wird.

Wir kommen endlich dazu, uns die Landschaft anzusehen. Alles flach und eben. Der große Paraná dehnt sich mit seinem Wasserspiegel meilenweit fort. Er gleicht einem See. Langsam, träge und gemächlich, fast ohne Strömung folgt er seinem Wege auf der weiten Reise zu seiner Mündung. In der Ferne sieht man die Küste des Nachbarlandes Paraguay. Man kann eine Zusammenballung von Häusern erkennen, das Grenzstädtchen Encarnación. Im Jahre 1926 tobte dort ein gewaltiger Wirbelsturm, der die Stadt schlimmer verwüstete als ein Erdbeben 10. Grades nach der Skala von Richter. Ein Jesuitenpater war der erste, der in einem einfachen Boot den aufgewühlten Strom bezwang und von Posadas aus Hilfe brachte. Dafür wurde er dann öffentlich zum Helden der Nation erklärt. Ihm folgten Hunderte und später Tausende nach, die ebenfalls von Posadas aus Hilfe leisteten.

Wir fuhren den Strom hinauf. In vielen Häfen wurde angehalten. Was heißt Hafen? Manchmal war es nur ein morscher Pfahl mit einem Brett daran und einer Inschrift mit Kreide darauf. Candelaria, das schon vor Jahrhunderten zu den berühmten Reduktionen der Jesuiten in Misiones gehörte, lassen wir liegen. Der Urwald verwehrt jeden Einblick in das dahinterliegende Land. Die Ufer des Stromes rücken näher. Die Böschung wird steiler. Sandschichten wechseln ab mit Geröll und herausragenden Felsen. Bald ist es mit dem friedlichen Wasserspiegel vorbei. Die Strömung wird so stark, dass unser Dampfer Mühe hat weiterzukommen. Der Schiffsstuart steigt mit einem Blechnapf in das Beiboot und schöpft Wasser. Das reizt mich es ihm nachzumachen. Aber es muss verstanden sein. Der Blechnapf wird mir von der Gewalt der Strömung aus der Hand gerissen und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Der Stuart ist noch jung, ein Paraguayer, voller Wut auf die Bolivianer, die im Kriege, der noch nicht zu Ende ist, seinen Bruder totgeschossen haben.

In San Ignacio, dem Zentrum der Missionstätigkeit der Jesuiten vor ca. 3 Jahrhunderten, halten wir an. Wellblechplatten werden ausgeladen, die von Indios in der glühenden Hitze auf den halbnackten Schultern ans Ufer gebracht werden. Circa 5 km vom Hafen entfernt, befinden sich die Ruinen (der Jesuiten-Reduktion) der Niederlassungen der Jesuiten. Ich hatte später Gelegenheit dieselben zu besichtigen. Gewaltige Bauten, die für Jahrhunderte bestimmt waren. Als der Jesuitenorden aufgehoben wurde, gingen viele tausende, die unter der Anleitung der Padres zu tüchtigen Menschen und guten Christen erzogen worden waren aus den Dörfern wieder in den Urwald zurück. Die Anlagen zerfielen. Die tropische Vegetation tat das Übrige. Die große Kirche und all die anderen Bauten wurden als bequeme Steinbrüche gewertet und zum großen Teil abgebrochen, um die Steine zu anderen Zwecken zu verwenden. Bald war alles vom Urwald zurückerobert, um vor circa 100 Jahren regelrecht wieder neu entdeckt und erst vor gar nicht langer Zeit vom Staat zu Touristenzwecken vor weiterem Verfall geschützt zu werden. Säulen, Bögen, Giebelzierat u.s.w. zeigen unverkennbar den Stil, wie er bei den Jesuiten üblich war. Man dachte, vieles könnte von den Jesuitenkirchen in Paderborn oder Büren stammen.

Bald stampfte unsere unermüdliche Cuñatay quer durch den großen Paraná oder wenigstens in einem weiten Winkel auf die paraguayische Seite hinüber zur deutschen Siedlung Hohenau, wo einige Passagiere ausstiegen und andere hinzukamen. Dann ging es wieder zum rechten Ufer zurück. Mittlerweile war es Abend geworden. Gegen die starke Strömung kamen wir nur langsam voran. Bald behinderte Nebel die Weiterfahrt. Es wurde ziemlich kühl. Dichtgedrängt saßen wir auf einer Bank im inneren der Kabine. Die Nacht wollte kein Ende nehmen. Es war die letzte unserer großen Reise. Am anderen Tag konnten wir erst spät weiterfahren wegen des Nebels.

Die nächste Station, wo wir halten mussten, war Puerto Rico, uns bekannt aus dem Prospekt des Herrn Adolfo Schwelm, zu dessen Kolonisationsplänen die vier Kolonien Puerto Rico, Monte Carlo, Eldorado und Victoria gehörten, letztere hauptsächlich für Engländer gedacht. Aber es war falsch gedacht. Die Engländer sind gute Mayordomos und füllen einen Verwalterposten vorbildlich aus. Aber das Siedlerleben, wo man bald soviel Schwielen auf Daumen und Fingern hat, dass es schwer fällt für den Personalausweis brauchbare Abdrücke zu bekommen, wie es mir erging, liegt ihnen nicht. Schließlich kann keine Kolonie bestehen, wo jeder nur einen guten Verwalterposten ausfüllen will. Puerto Rico wurde in der großen Überzahl von Russlanddeutschen besiedelt, die sich hauptsächlich mit Schweinezucht befassten.

Manche fingen damit mitten im Urwald an. Es wurden einige Hektar Wald geschlagen, um Mais anzupflanzen. Die Schweine ließ man sich im Walde selbst ihre Nahrung suchen, gewöhnte sie aber daran abends zum Haus zu kommen, indem man einige Kolben Mais ihnen vorwarf. Nur wenige hatten das Glück in den Besitz eines Kolbens zu kommen. Aber die Hoffnung, dass es doch einmal glücken könnte, trieb sie jeden Abend in dichten Rudeln wieder zum Hause zurück, wo es ein leichtes war, die Schlachtreifen auszusortieren. Ein solches Verfahren musste sich doch rentieren.

Gegen Mittag legten wir in der Nachbarkolonie von Eldorado, in Monte Carlo an. Wieder stiegen Passagiere zu, unter ihnen einer, unverkennbar ein Deutscher, nach meinem Schätzen aus dem Schwabenland. Bald sollte ich ihn wieder treffen. An den Urwald zu beiden Seiten hatten wir uns schon gewöhnt. Dem Rande des gewaltigen Stromes zu, lagen in Trockenperioden, wie zum Beispiel gerade während unserer Herfahrt, dem Auge sichtbar, gewaltige Steinbrocken von etlichen Tonnen Gewicht, die sich bei jedem Hochwasser, wo der Strom bis zu 10 Meter und mehr über den gewöhnlichen Wasserstand ansteigt, in der reißenden Strömung verlagern. Dieses ist durchaus glaubhaft. Denn jeder Körper wiegt im Wasser ja weniger, und zwar so viel, wie dem Gewicht der verdrängten Wassermenge entspricht. Sie bilden manchmal eine ernste Gefahr für die Schifffahrt und es ist schon öfter vorgekommen, dass in den Boden des Schiffes durch sie ein solches Loch gerissen wurde, dass die Ladung kaum mehr gerettet werden konnte. Monte Carlo wurde ein Jahr später gegründet wie Eldorado. Dort sind die Deutschen weitaus in der Überzahl. Man könnte fast sagen, es ist eine reindeutsche Kolonie. In Eldorado haben sich im Gegensatz dazu Menschen aus 19 verschiedenen Nationen angesiedelt.

Fortsetzung folgt schon bald…

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