Die Geschichte meiner Auswanderung und meines Siedlerlebens im argentinischen Urwald, in Eldorado (Misiones).
Von Franz Lüttig (20.9.1898 – 29.4.1978), Wewelsburg, Kreis Büren (Westfalen).
Nun hieß es Abschiednehmen von unserer schönen Pension, dem großen Immigrationsgebäude, wo wir so lange auf Kosten des argentinischen Staates gelebt hatten.
Zu kurzem Aufenthalt nur kann es dienen.
Nach Misiones, wo noch weit und breit
sich endlos dehnt der Wälder Einsamkeit
entführt uns bald die Doppelspur der Schienen,
dort, wo noch Tiger jagen, hoch im Norden,
wo viele vor uns sesshaft sind geworden,
ein hartes Siedlerdasein zu beginnen.“
Am Donnerstag den 12. März 1933 um 4:00 Uhr, standen wir abfahrbereit auf dem Bahnsteig. Der Güterwagen mit meinem Gepäck wurde an den Personenzug gehängt. Wir stiegen ein und bekamen bequeme Sitze am Fenster.
Bald hatten wir das Häusermeer der Hauptstadt hinter uns. Bis zum Horizont war alles eben. An Wäldern und Weiden ging es vorbei. Hin und wieder eine Ansammlung von Gebäuden und einzelne Gehöfte. Als es dunkel wurde, waren wir am Delta, dem großen Sumpfgebiet, wo der Paraná, wie viele große Ströme sich kurz vor der Mündung in verschiedene Arme teilt und die Eisenbahn nicht weiterkann. Der Zug wurde in drei oder vier Teile zerlegt und mit viel Geduld auf eine große Fähre gebracht. Eine Menge Autos und andere Fahrzeuge kamen noch hinzu. In 2 Stunden war alles untergebracht. Die Fähre bestand aus zwei Stockwerken. Unten waren Kücheneinrichtungen und Aufenthaltsräume für die Angestellten zu erkennen, die die Fähre bedienten. Wir steuerten nordwärts den Fluss hinauf, der Strömung entgegen. Es ging schnell voran, wie wenn man auf einem See gewesen wäre. Es war ja auch fast das Gleiche. In seinem Unterlauf hat der Paraná fast gar kein Gefälle. So zogen die Wasser träge dahin. An beiden Ufern üppige Sumpfvegetation. Keine Riesenbäume mit mächtigen Kronen wie auf festem Land. Der Mond war unser stiller Begleiter. Beim Morgengrauen zeigte sich offenes Gelände und der Zug stand bald wieder auf sicherem Boden.
Wir waren schon in Entre Rios, in der Provinz zwischen den großen Flüssen Paraná und Uruguay. Mit dem verschwinden des Morgennebels weitete sich der Blick. Bis zum Horizont alles eine ebene Fläche, Rinderherden immer wieder. Ab und zu einfache, offene Bretterhütten für das Vieh zum Schutz bei schlechtem Wetter. Wo ein Gehöft auftaucht, Weizenfelder, Anpflanzungen von Sonnenblumen, Kartoffeläcker, weite Flächen mit großen Stauden, an denen schwere Kolben hängen. Das ist Mais, den wir hier zum ersten Mal sehen und später selbst pflanzen werden. Bis eine Station erreicht ist, muss man oft lange warten. Das liegt nicht allein an der Besiedlung. Die Züge können in Argentinien auf den weiten Strecken nicht allzu schnell fahren. Dafür ist der Unterbau des Fahrdamms gar nicht stabil genug. Wenigstens auf unserer Strecke war es so. Alljährlich gibt es große Überschwemmungen unter denen auch die Bahnstrecken leiden.
Die Hauptstadt der Provinz kommt in Sicht. Concordia, Sitz eines Bischofs. Die Kathedrale überragt mit ihrem Turm das ganze Stadtbild. Der letzte Bischof, der vor sechs Wochen starb, war in Eldorado groß geworden. Seine Eltern stammten aus Bayern. Er hieß Ricardo Rösch. Die Besiedlung der Provinz begann vor circa 100 Jahren, als die ersten Russlanddeutschen ankamen, Familien, deren Vorfahren von Deutschland nach Russland ausgewandert waren, die nun aus irgendwelchen Gründen zum zweiten Mal das Land verließen, in dem sie geboren waren. Ich habe nie einen Russlanddeutschen aus Entre Rios kennen gelernt, bin mir aber sicher, dass sie ihren Heimatdialekt, das Plattdeutsche, unverfälscht durch die Jahrhunderte in Russland beibehalten und auch noch mit nach Argentinien gebracht haben, sodass einer, der sich in den verschiedenen Dialekten auskennt, auch heute noch dadurch ihre ursprüngliche Heimat im alten deutschen Vaterland feststellen kann. In Eldorado war es jedenfalls so. Dort haben sich viele Deutsche angesiedelt, die aus Polen oder Russland kamen. Ihr Hochdeutsch wich nur in wenigen Punkten von dem unseren ab. In sehr vielen Familien konnte ich feststellen, dass sie außerdem auch noch Plattdeutsch sprachen. Aber das wird sich hier nicht halten können. Auch die hochdeutsche Sprache geht vielen verloren, wenn die älteren Leute wegsterben. In der Schule lernen sie Spanisch. Sie ziehen es dem Deutschen vor, wenn sie unter sich sind. Die Kinder aus rein deutschen Familien müssen oft ein Jahr wiederholen, bis sie dem Unterricht in der spanischen Sprache folgen können. In Russland waren weite Bezirke mit rein deutscher Bevölkerung. Die Kinder gingen in deutsche Schulen mit deutschen Lehrern. Die Zaren hielten ihr Versprechen, dass deutsche Brauchtum nicht anzutasten. Das war hier alles anders. Es gibt auch in Eldorado eine deutsche Schule wo neben argentinischen auch deutsche Lehrer angestellt sind und die Kinder auch Unterricht in Deutsch erhalten. Ein Internat ist angegliedert, am Morgen wird in der Schule Spanisch gesprochen und am Nachmittag im Internat Deutsch.
Weiter geht die Fahrt. Es wird schwül. Draußen sieht die Landschaft allmählich etwas anders aus, obwohl es doch gar nicht geregnet hat. Wir sind in Corrientes, der Provinz der Sümpfe. Hier lebt ein anderer Menschenschlag, sehr selbstbewusst, aber auch sehr darauf bedacht, die Kräfte zu schonen, wenn es sich machen lässt. Ein Bewohner, der einmal eine Reise unternahm, wurde gefragt ob er Argentinier sei. Die Antwort lautete: „Soy correntino!“ Die Sümpfe konnte man entwässern. Ingenieure behaupten, dass in einigen Metern Tiefe eine wasserundurchlässige Schicht das Versickern des Wassers behindere. Man brauchte nur diese Schicht zu durchbohren, um die Sümpfe trocken zu legen. Wenn später einmal das Land zum Siedeln knapp wird, wird man vielleicht dieses Problem lösen.
Unser Zug hält zu kurzen Pfad Rast in der Yapeyú, einem Ort von großer historischer Bedeutung für Argentinien. Hier wurde im Jahre 1778 der Herr der Nation, der General San Martin geboren, der in mehreren Schlachten Sieger blieb und alle Versuche der Spanier, ihre verlorenen Positionen wieder zu gewinnen, vereitelte.
Die Dämmerung bricht herein. Am Himmel steigen dunkle Wolken auf. Blitze in weiter Ferne zeigen ein kommendes Unwetter an. Bald leuchtet es in allen Himmelsrichtungen. Donnergrollen in der Ferne. Mit zunehmender Dunkelheit gibt es für uns ein Naturschauspiel, dass wir bisher noch nicht gesehen haben und dass jedem, der ist nicht mit erlebt hat, unmöglich erscheint. Stundenlang folgt Blitz auf Blitz, meist von Wolke zu Wolke flimmert es über das ganze Firmament, als wenn man in einem Kino wäre. Wie das Unwetter näher kommt, zuckt auch manchmal ein Blitz zur Erde nieder, sind verästelnd wie das Wurzelwerk eines Baumes werden, begleitet von betäubenden Donnerschlägen, dass die Scheiben unserer Fenster zerspringen könnten. Dazu ein Regen, wie er in den Tropen die Regel ist, aber für uns etwas nicht Alltägliches. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, was geschieht wenn ein Blitz einen fahrenden Eisenbahnzug trifft. Hier wird das Mögliche fast zur Wahrscheinlichkeit. Wir befinden uns mitten im Zentrum der Sturmzone. Im Schein der fahlen Blitze sehen wir Vieh, das bis zum Bauch im Wasser steht. Man könnte mit den modernen Baggermaschinen doch leicht künstliche Erhöhungen schaffen, sodass es auf einigermaßen trockenem Boden vor dem sumpfigen Schlamm geschützt wäre. Ich denke immer, dass spätere Geschlechter die gewaltigen, elektrischen Spannungen, wo ungeheure Energiemengen nutzlos freigesetzt werden, bändigen werden zum Nutzen aller. Als wir später unseren Herd aufgestellt hatten, bekam ich einmal bei einer Berührung mit demselben einen starken elektrischen Schlag. Die elektrische Spannung des gewitterschwülen Tages hatte ihn wie einen Kondensator aufgeladen.
Für uns ist dieses Toben draußen bald zu Ende. Wir schlafen ein. Hin und wieder wird einer wach und stellt fest, dass das große Feuerwerk am nächtlichen Himmel über uns, begleitet von Sturm und Regen, immer noch weitergeht. Am nächsten Morgen ist der ganze Spuk verschwunden. Die Natur zeigt ihr altes, freundliches Bild.
Fortsetzung folgt schon bald…
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