Die Geschichte meiner Auswanderung und meines Siedlerlebens im argentinischen Urwald, in Eldorado (Misiones).
Von Franz Lüttig (20.9.1898 – 29.4.1978), Wewelsburg, Kreis Büren (Westfalen).
Ankunft in Buenos Aires / Februar 1933
Aber so schnell lässt man uns nicht vom Schiff herunter. Nach dem Frühstück müssen wir uns in Reih und Glied aufstellen. Der argentinische Hafenarzt geht die Reihen entlang und schaut jedem in die Augen. Die Kontrolle ist Vorschrift, um der ägyptischen Augenkrankheit vorzubeugen, damit sie nicht eingeschleppt wird. Aber auch dann kann man nicht sofort in die Stadt. Erst muss das Handgepäck durch den Zoll. Weil ich Schwierigkeiten befürchtete wegen meiner großen Lücken in der Kenntnis der spanischen Sprache, hatte ich mich brieflich an den Verein der Esperantisten in Buenos Aires gewandt und um Hilfe gebeten. Pünktlich fand sich jemand ein. Aber es klappte nicht. Unser beiderseitiges Esperanto reichte zu einer einwandfreien Verständigung nicht hin. Er lud mich ein, den Esperanto Club zu besuchen und gab mir die Adresse. Ich bin nicht mehr dazu gekommen. Andere Dinge machten mir Kopfschmerzen.
Die Zollangelegenheit regelt sich zu meiner Zufriedenheit. Der Zollbeamte konnte weder bei mir noch in den Koffern meiner Frau Kostbarkeiten entdecken, die gebührenpflichtig gewesen wären. So wurde dann alles von einem Angestellten auf einer Schubkarre zu dem großen Lagerschuppen des Einwanderungshotels hinübergeschoben, wobei er es nicht unterließ eine Kiste fallen zu lassen, wodurch mir erheblicher Schaden entstand. Drei Wochen sollte unser Aufenthalt dauern in dem riesenhaften Steinwürfel aus Eisen und Beton. Vier Stockwerke lagen die großen Schlafsäle übereinander, jeder geräumig genug, um 1000 Menschen für die Nacht Ruhe zu bieten. Breite Treppen ermöglichten es den Menschenmassen, rasch hinauf und hinunter zu kommen. Gewaltige Küchenanlagen, große Speisesäle, Verwaltungsgebäude, Wohnungen für die Angestellten und riesige Schuppen für das Gepäck der Einwanderer kamen hinzu. Bis zu sechs Wochen konnte man bleiben. In dieser Zeit musste man sich irgendwo ein zu Hause geschaffen haben. Wenn es einem bis dahin nicht geglückt war, konnte auf Antrag die Frist auch noch verlängert werden. Die Verpflegung bestand in der Hauptsache aus Rindfleisch. Gemüse und sonstiges waren nur spärliche Zutaten. Wir hatten bei meinem Handgepäck einen Spirituskocher und kauften manchmal einen Kohlkopf, um die einseitige Ernährung entsprechend zu ergänzen. Wo in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg die Räumlichkeiten bei weitem nicht ausreichten, verbrachten wir die Nacht zu fünft. Es war immer Personal da, um alles in Ordnung zu halten. Aber Arbeit gab es kaum. Die Hauptbeschäftigung war Mate lutschen. Alle saugten einer nach dem anderen den fast kochend heißen Teeaufguss mit dem gleichen Mundstück aus der Bombilla, der ausgehöhlten Frucht eines Rankengewächses. Man gewöhnt sich schnell an diese sonderbare Sitte die in ganz Argentinien und in den angrenzenden Ländern verbreitet ist. Ich habe nie gehört, dass dadurch Krankheiten übertragen wurden. Die hohe Temperatur des Aufgusses wirkt desinfizierend. Der Matetee hat eine belebende Wirkung und gleicht mit seinem Vitamingehalt bei der einseitigen Ernährung mit Fleisch, den Mangel an Gemüse aus.
Ein gastlich Haus hat bald uns aufgenommen,
dass vielen vor uns schon ein Obdach bot,
die voller Sorge um ihr täglich Brot
aus fernen Ländern waren hergekommen,
um für die Zukunft hier ein Haus zu gründen
und neuen Lebensunterhalt zu finden,
im ganzen Land zum Nutzen und zum Frommen.
Bald besuchte uns der Zimmermann Franz Grote aus Wewelsburg, den wir brieflich über unsere Ankunft verständigt hatten. Wir fuhren mit ihm nach Florida hinaus zu seinem Bruder Wilhelm. In Buenos Aires konnten wir uns alles in Ruhe ansehen, die Kathedrale, die Regierungsgebäude, die Museen und auch den großen Vergnügungspark Palermo mit seinen einzigartigen Rosengärten. Es war die Zeit des Carnevals. Wir sahen uns den Corso an, einen Schönheitswettbewerb für Autos. Die am besten geschmückten gewannen den Preis. Bei unserer Ankunft hatten wir den Herrn Doktor Wilhelm Küppers kennengelernt, gebürtig aus Aachen, der im Auftrag des Gründers der Kolonie Eldorado, des Herrn Adolfo Schwelm aus Frankfurt die Einwanderer auf die Möglichkeit einer Ansiedlung dort oben im Urwald von Misiones aufmerksam machte. Lange Jahre war er später der Verwalter der Kolonie. Er lud uns ein, uns im Geschäftsgebäude der Siedlungsfirma einen Werbefilm für Eldorado anzusehen. Es war alles sehr verlockend dargestellt. Als wir kurz darauf einen früheren Schulkameraden von mir, Oskar Sander aus Paderborn, besuchen wollten war er nicht zu Hause. Sein Bruder warnte uns auf das eindringlichste, ja nicht in den Urwald nach Misiones zu ziehen, zu den unzivilisierten Indios, wo die Kinder alle nackt herumlaufen.
Sein Bruder wäre im Auftrag großer Firmen mehrere Male als Kaufmann dort oben gewesen. Da wäre für kultivierte Europäer kein Leben möglich. Wir könnten auch in Buenos Aires uns eine neue Existenz schaffen. Der Rat war gut gemeint. Aber wir hatten unsere Gegengründe. Und außerdem gab es ja auch kein zurück mehr was hätten wir mit dem vielen Gepäck anfangen sollen?
Inzwischen waren meine Kisten alle im Zollgebäude angekommen, ein riesiger Steinkasten, direkt am Kai, wo die Schiffe anlegen, nur durch eine Straße von einigen Metern Breite von ihm getrennt, mit großen Aufzügen zu den vier Stockwerken, nach dem Meere zu auch an der gegenüberliegenden Seite zum Lande breite Öffnungen, denen so leicht keine Kiste zu groß war. Die Schiffsfracht wurde entweder durch große Kräne und Ladebäume direkt am Kai abgesetzt oder auf flache Boote umgeladen, die dann alles zum Lande brachten. Es musste schnell gehen, denn die Aufenthaltsgebühren waren teuer. Deshalb bediente man sich manchmal beider Methoden. Es kam ja auch vor, dass die Ozeandampfer gar nicht nahe genug an das Ufer heran kamen, weil das Wasser nicht tief genug war. Früher war das oft der Fall. Ich musste jede Kiste öffnen. Den Beamten übergab ich eine Liste mit dem Inhalt und bat ihn, er möge mir glauben schenken und alles so lassen, wie es verpackt war. Sonst würde mir auf der weiten Fahrt mit der Eisenbahn nach Misiones vieles zu Bruch gehen. Das hat er dann auch getan. Nur der nagelneue Herd sollte teuer verzollt werden. Da habe ich aber protestiert und ihm erklärt: „Nueva familia, nueva cocina“, was er dann auch verstand. Gemäß meiner Liste war noch genug anderes, wofür ich bezahlen musste. Nachdem ich alles wieder zugenagelt und mit neuen Eisenbändern versehen hatte, wurde das Gepäck mit einem Lastwagen zum großen Lagerschuppen unseres Einwanderungshotels gebracht. Nun musste ich das Gesuch aufsetzen, um kostenlose Beförderung mit der Eisenbahn bis zur Endstation derselben, nach Posadas, der Hauptstadt des Territoriums Misiones, was mir auch gelang. Der Beamte lobte sogar mein mangelhaftes spanisch. Das soll kein Herausstellen meiner eigenen Fähigkeiten sein. Auf der Post passierte mir am nächsten Tag schon das Gegenteil. Ich wollte eine Briefmarke kaufen, eine „estampilla“, hatte aber etwas von „sello“ im Kopf und verlangte eine „silla“. Schallendes Gelächter war die Antwort. Dann müsste ich in eine „muebleria“ gehen. Stühle könnte mir die Post nicht verkaufen.
Nach 14 Tagen Wartezeit wurde das Gesuch genehmigt. Es kam der Tag, wo alles mit einem Camion zum Bahnhof Chacarita gebracht und in einem Güterwagen verstaut wurde.
Fortsetzung folgt schon bald…
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