Die Geschichte meiner Auswanderung und meines Siedlerlebens im argentinischen Urwald, in Eldorado (Misiones).
Von Franz Lüttig (20.9.1898 – 29.4.1978), Wewelsburg, Kreis Büren (Westfalen).
Lastwagen, bis zur letzten Möglichkeit mit grünen Bananenstauden beladen, warteten schon darauf, auf ein anderes Schiff entladen zu werden. Wir gaben denn auch bald den Platz frei und fuhren ab. Der Himmel mit seinem strahlenden Blau und dem leuchtenden Weiß seiner Wolken überzog sich mit einem schmutzigen Dunstschleier. Das wollte nicht zu der nun folgenden Strophe meines Gedichtes passen, dass die argentinischen Landesfarben besingt.
„ Hoch in den Lüften, wo die Adler schweben,
sind seine Farben weit hin ausgespannt,
im Aetherblau das Weiß der Wolkenwand,
Symbole die der Himmel ihm gegeben,
vom Küstensaum bis zu den Andenzonen
wo immer seine Landeskinder wohnen,
ein einig Volk, zum Licht empor zustreben.“
Woher kam dieser rauchige Schleier, der in der Luft hing. Man sagte uns, Kaffe würde verbrannt, um die Preise zu halten. Das ist wieder so ein Unsinn, der sich würdig zu all den vielen anderen Torheiten gesellt, die den Menschen das Leben auf der Erde oft so unerträglich schwer macht wie Kriege, Streiks, soziale Ungerechtigkeiten, Verfolgungen wegen des Glaubens und der Rasse usw..
Bald gab es wieder Aufenthalt. Vor Blumenau, der großen deutschen Siedlung im brasilianischen Bundesstaat Santa Catharina wurden auf einem einfachen Boot drei Passagiere herangerudert. Sie mussten die Strickleiter hinaufklettern. Ihre Koffer wurde hochgezogen. Nun war es nicht mehr weit bis Montevideo. Die uruguayische Küste kam in Sicht. Hier waren wir schon im Bereich der spanischen Sprache, die ja auch unsere künftige Landessprache werden sollte. Immer noch die gleiche Szenerie, Himmel, Wasser und Urwald, der sich dann doch allmählich lichtete und dichter besiedelte Gebiete vermuten ließ. Der Küstenverkehr wurde lebhafter. Am 14. Februar 1933 liefen wir in den Hafen von Montevideo ein. Wir kamen neben einem Kriegsschiff zum Liegen. Mit seiner gewaltigen Panzerwand versperrte es uns jede Aussicht. Ich hatte noch nie einen solchen Riesen von Stahl und Eisen gesehen und fragte mich unwillkürlich, wie denn ein Schiff mit einem solchen Riesengewicht sich überhaupt auf dem Wasser halten konnte und nicht unterging.
Man durfte den Dampfer verlassen und sich die Stadt ansehen. Ich kann mich nur an schöne Gebäude und prächtige Parkanlagen erinnern. Jede Stadt, wo früher die Spanier waren, ist stolz auf ihre Plaza, die auf das Sorgfältigste gepflegt wird, wenn man auch selbst in armseligen Bretterbuden hausen muss. Hier konnte ich schon meine wenigen Kenntnisse des Spanischen anbringen, die ich mir während der Fahrt angeeignet hatte. Früh morgens, wenn die Motoren mit heraufgepumpten Wasser aus dem Meer das Deck säuberten, stand ich mit meinem Buch unter der einzigen trüben Lichtquelle am Deckaufgang und regte mir spanische Vokabeln ein, zuzüglich der dazugehörenden Grammatik. Es sollte mir später Nutzen bringen.
Wir setzten noch am gleichen Tag unsere Fahrt fort. Bald würde die Reise zu Ende sein. Denn unser Schiff befand sich schon in der Mündung des Rio de la Plata. Man kann dieselbe mit einem großen Trichter vergleichen, an dessen oberen Rande Montevideo ist, nahe dem unteren Ende befindet sich Buenos Aires. Die Entfernung zwischen beiden Hauptstädten beträgt ungefähr 200 km, für unseren Dampfer eine Kleinigkeit. Es ist der Paraná, der Rio de la Plata genannt wird, Silberfluss, sobald sich die gewaltigen Wassermassen des Rio Uruguay mit den seinen vermischt haben. Was der Mississippi für Nordamerika ist, bedeutet der Paraná für Argentinien. Er fließt in seinem oberen Lauf auf der Grenze zwischen Argentinien und Paraguay und berührt auch Eldorado, wo ich siedeln will. Der Rio Uruguay trennt Argentinien von Uruguay. Die gewaltigen Wassermassen beider Flüsse führen große Mengen Sand mit sich, sodass immer wieder mit Baggern gearbeitet werden muss, um für die Ozeandampfer, die durch die La Plata-Mündung nach Buenos Aires fahren, den nötigen Tiefgang zu garantieren.
Mit dem schönen Bewusstsein, morgen am Ziel zu sein, legen wir uns schlafen. Die Nacht verläuft ruhig, ohne Zwischenfälle. Im Morgengrauen werde ich wach. Die Schiffsschraube arbeitet nicht mehr. Schnell steige ich auf das Deck. Da liegt sie vor uns im Dunst des dämmernden Morgens, die Metropole, die Hauptstadt Argentiniens mit ihren Wolkenkratzern und unzähligen Bauwerken. Bis zum Horizont immer wieder Gebäude, Häuser und Dächer. Bald bin ich nicht mehr allein. Andere Passagiere gesellen sich zu mir, die die Neugierde ebenfalls auf das Deck geführt hat. Einer, der sich auskennt, gibt die nötigen Erklärungen. Uns gegenüber ist das große Immigrationshotel, ein riesiger Steinkasten, weiter hinten die Regierungsgebäude, rechts die Kathedrale usw..
„Ihr Schläfer, wachet auf! Im Dämmerscheine
liegt dort vor uns, im Dunkeln noch gehüllt,
das große Ziel, ein unvergesslich Bild.
Ans Ufer werfen wir die Ankerleine
und legen an. Die Landungsbrücken fallen.
Hinüber geht’s durch hochgewölbte Hallen,
aufschimmernd in dem Glanz der Marmorsteine.“
Fortsetzung folgt schon bald…
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