Nach meinem Schulabschluss im Jahr 2008 und der darauf folgenden Wehrdienstzeit bin ich für 6 Monate nach Argentinien gereist, um mein Spanisch zu verbessern, meine Familie zu besuchen und Argentinien zu entdecken. Mein Spanisch war damals nicht gut, ich konnte viel verstehen, etwas Smalltalk führen, aber für ein tiefergehendes Gespräch hat es anfangs nicht gereicht, mir fehlten Vokabeln und Grammatik, um mich artikulieren zu können.
Ich habe damals mehrere Monate in der Backsteinfabrik Ceramicas Istueta SRL meiner Cousins gearbeitet, dabei mein Spanisch verbessert, Einblicke in Mechanik, Handwerk, Schlosserei und ein Gefühl für das tägliche Leben und seine Herausforderungen in Argentinien bekommen können, abseits von allen Wegen, die dem Tourismus gewöhnlicherweise geboten werden. Die Insights, die mir durch Locals wie meine Cousins geboten wurden, waren eindrucksvoll und abenteuerlich. Wir sind in den Siestas zu nahegelegenen Wasserfällen gefahren oder haben die Zeit in Hamacas Paraguayas (Hängematten) in Mandarinenhainen verbracht. An den Wochenenden den Salto Moconá besucht, die Freizeit in den erfrischenden Flüssen wie beispielsweise dem Piray Miní oder dem Piray Guazú verbracht.
Die Zeit zählt zu den schönen Erfahrungen in meinem Leben und doch gab es Momente, in denen ich mich aufgrund meines fehlenden Vokabulars nicht vernünftig verständigen konnte und einsam fühlte, auch wenn meine Verwandtschaft viel Geduld mit mir hatte, ich somit auch täglich Fortschritte mit meinen Spanischkenntnissen machen konnte.
Als ich damals meine Tante Crista besucht habe, die auf einem romantischen Bauernhof, einer Chacra, mit inzwischen insgesamt vier Generationen etwas außerhalb von Eldorado, umgeben von dichtem Wald, lebt, habe ich zum ersten Mal eine Kopie des Manuskripts meines Großvaters in Händen gehalten. Er beschreibt darin die Beweggründe seiner Auswanderung von Deutschland nach Argentinien, die Überfahrt und das Leben und die Herausforderungen als Siedler in der noch jungen Provinz Misiones. Zu dieser Zeit ahnte ich noch nicht, welche Wege dieses Manuskript auf sich genommen hatte, um endlich in meine Hände zu gelangen und noch immer kann ich es nicht in Gänze nachvollziehen. Es war eine Kopie des handschriftlichen Manuskripts, im ersten Moment für mich kaum lesbar.
Nach Monaten, die ich mich im spanischsprachigen Raum nur mit begrenztem Wortschatz verständigen konnte, kein Wort meiner Muttersprache genutzt hatte, hielt ich nun ein Vermächtnis meines Großvaters in Händen, in deutsch geschrieben. Noch nie war ich meinem Großvater so nahe, der schon Jahre vor meiner Geburt verstorben war, wie zu jener Zeit, als ich seine Geschichte, trotz altdeutscher Handschrift, wie besessen in kürzester Zeit verschlungen habe. Jedes kaum zu entziffernde Wort, das ich mir nach und nach erschließen konnte, war wie ein Meilenstein auf dem Weg, den Vater meiner Mutter kennenzulernen.
Damals erzählte mir mein Onkel, dass diese Kopie vervielfältigt und an alle Nachkommen verteilt wurde, auch an die, die kaum oder garnicht deutsch sprechen. Woher aber die Kopie kam, ist mir erst vor wenigen Tagen bewusst geworden. Schon zu der Zeit meines sechsmonatigen Argentinienaufenthaltes hatte ich den Wunsch, diese Geschichte für alle Familienmitglieder, Freunde und Interessierte zugänglich zu machen, zu veröffentlichen. Eine Tante und zwei Cousinen hatten sich bereits daran gemacht, den gesamten Text ins Spanische zu übersetzen. Es sollte aber noch fast 15 Jahre dauern, bis ich damit begonnen habe, meinen Wunsch in die Tat umzusetzen, und daher habe ich meiner Schwester erst vor wenigen Monaten davon berichtet. Sie hatte keine Einwände, nur sollte ich keine Bilder von ihr veröffentlichen, das war ihre Bitte.
Wie der Zufall es wollte, wurde sie vor wenigen Wochen von einer unbekannten Nummer kontaktiert. Es hat sich herausgestellt, dass mein Großvater ein Patenkind in Deutschland hatte, eine inzwischen ältere Dame. Ihre Tochter hat wiederum über meinen Patenonkel Kontakt zu meiner Schwester aufgenommen, da sie einige Unterlagen und Briefe meines Großvaters bei ihrer Mutter gefunden hat, die inzwischen in einem Pflegeheim untergebracht ist. Auf der Suche nach weiteren Angehörigen, denen sie die Unterlagen zukommen lassen konnte, war sie froh, meine Schwester ausfindig gemacht zu haben. Kurz vor Ostern ist es zu der Übergabe gekommen und nun war ich, nachdem mich meine Schwester darüber informiert hatte, bei ihr, um mir alles anzusehen. Und was halte ich da auf einmal in Händen? Das handschriftliche Original dieser Geschichte, ich konnte es kaum glauben.

Dieses Buch hat vor mehreren Jahrzehnten den Weg nach Deutschland gefunden. Ob mein Großvater es damals mit der Post geschickt hat oder es bei einem Besuch seines Patenkindes in Argentinien nach Deutschland gebracht wurde, ist unklar. Der inzwischen verstorbene, jüngere Bruder seines Patenkindes hat dann einmal eine Kopie davon gemacht, ja den handgeschriebenen Text sogar komplett abgetippt und teilweise illustriert, und davon ist ein Exemplar in Montevideo, dem Nachbarort von Eldorado, in Misiones gelandet. Warum ausgerechnet dort, kann ich noch nicht nachvollziehen. So ist das Exemplar aber bei einem Ortsfest durch einen aufmerksamen Ansässigen an meinen Cousin übergeben und von diesem mehrfach kopiert worden.
Ich beschreibe das hier jetzt so ausführlich, um vor allem für mich selber und alle Interessierten etwas Klarheit zu schaffen und den Wert dieser überlieferten Geschichte zu veranschaulichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich nach all der Zeit das handgeschriebene Original in Händen halte, erscheint mir verschwindend gering. So vergänglich Papier auch sein kann, flüchtige Gedanken, die nicht in Schrift festgehalten wurden, sind es umso mehr. Mit diesen Worten möchte ich alle, die so weit gekommen sind, ermutigen, ihre Geschichten und Gedanken für die Nachwelt festzuhalten und vor allem Zeugnisse aus vergangenen Zeiten für folgende Generationen aufzubewahren. So wird es sicher immer wieder Kinder und Enkelkinder geben, die auf der Suche nach ihrem Ursprung Gefallen daran finden werden und solche Werke wertzuschätzen wissen.
Vielen Dank auch an dieser Stelle noch einmal für die Übergabe dieser aus meiner Sicht unschätzbar wertvollen Unterlagen und Aufzeichnungen. In den folgenden Beiträgen setze ich die Veröffentlichung der Geschichte der Auswanderung meines Großvaters fort und werde auch einige seiner vielzähligen Gedichte der Öffentlichkeit zugänglich machen.

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