Die Geschichte meiner Auswanderung und meines Siedlerlebens im argentinischen Urwald, in Eldorado (Misiones).
Von Franz Lüttig (20.9.1898 – 29.4.1978), Wewelsburg, Kreis Büren (Westfalen).

Da liegt sie vor uns, die schönste Bucht der Welt mit einer der schönsten Städte des Kontinents. Wie hingestreute Perlen gruppiert sich ein Kranz von Inseln zum schützenden Halbrund. Dahinter die Küste mit dem weltberühmten Badestrand, weiß wie Schnee der Sand, den die Wellen des Ozeans im ewigen Wechselspiel von Ebbe und Flut umspülen.

Die unerträgliche Hitze des tropischen Hochsommers hat Tausende hierhergeführt, um sich im kühlen Wasser des Atlantik etwas Erfrischung zu verschaffen. Wir dürfen das Schiff nicht verlassen. Gegen Abend soll es weitergehen. Mit zunehmender Dunkelheit bietet sich uns ein märchenhaftes Bild. Überall Lichterglanz auf den Inseln, an der Küste und an den Berghängen und über allem der segnende Christus angestrahlt von riesigen Scheinwerfern. In einem Meer von Licht sehen wir die Riesenstadt vor uns liegen. In der Bucht Schiff an Schiff, alle von unzähligen Birnen hell erleuchtet deren Schein das Wasser widerspiegelt. Mit aller Vorsicht geht es dem Hafenausgang zu, vorbei an vielen Dampfern und Fahrzeugen. Bald sind wir wieder in freiem Wasser und können mit erhöhter Geschwindigkeit unsere Reise fortsetzen.

Wir folgen der Küste. Dichter Urwald überall. Als wir am anderen Morgen auf Deck kommen, ist es immer noch das gleiche Bild. Das Festland ist nicht weit. Wir können Felspartien und Bäume erkennen. Aber der Blick in das dahinterliegende Land ist uns verwehrt. Den größten Teil der Fahrt haben wir hinter uns. Das Ziel ist nicht mehr weit:

„Bald wird das Ziel der großen Fahrt sich zeigen,

das Häusermeer der Millionenstadt.

Nur wenige Tage muss das Sonnenrad

am Himmelsrand noch auf und nieder steigen.

Dann wird mit fremden Lauten, anderen Sitten

den ersten Gruß das Neue uns bieten,

dem wir uns wollen geben ganz zu eigen.“

Als schließlich die Hafenstadt Santos in Sicht ist, kommt die Schiffsschraube zur Ruhe. Es ist Sonntag. Den können wir auch auf freiem Meere zubringen. Das kostet keine Hafengebühren. Wir kommen uns vor, als hätten wir festen Boden unter den Füßen. In der schwachen Dünung, die aus den Weiten des Ozeans kommt, ist kaum eine Bewegung des Schiffes zu bemerken. Am nächsten Morgen fahren wir in den Hafen hinein.

Kaum haben wir am Kai festgemacht, wird das Schiff von mehreren Dutzend Arbeitern regelrecht gestürmt. Die Luken werden geöffnet, und im Nu sind alle in den Lagerräumen verschwunden. In riesigen Netzen wird durch die Motorwinden an starken Tauen alles heraufgebracht, was herausgeladen werden soll. Kräne schwenken die Fracht auf das Ufer. Ganze Autos können auf diese Weise an Land befördert werden. Auf dem Kai sind fleißige Hände bemüht, möglichst schnell die Netze zu entleeren und Platz für die nächsten zu schaffen. Wir haben Zeit, uns die Stadt anzusehen. Santos, das ist doch der Hauptumschlagplatz für Kaffee. Der Geruch bestätigt es bald, und das Auge ebenfalls. Überall das Aroma von Kaffee, überall auf der Erde verlorene Kaffeebohnen. Wo Säcke von den Lastwagen abgeladen werden, liegt der Kaffee Kiloweise herum, denn es gehen oft Bohnen durch undichte Stellen oder durch geplatzte Nähte verloren.

Wir gehen die Hauptstraße herunter bis zum Markt. Von weitem hören wir ein Gezwitscher, als wäre dort der grasgrüne Wald, in dem die Vöglein singen. Es ist gerade Vogelmarkt. Zu Hunderten stehen die Käfige mit den gefiederten Sängern neben- und übereinander und warten darauf, an den neuen Herrn verkauft zu werden. Man sagte uns, dass die Matrosen auf der Rückfahrt zu ihren Heimathäfen oft einen Käfig samt Inhalt kaufen würden. Wir konnten ihnen leider den Gefallen nicht tun. Was sollten wir mit einem Canarienvogel? Meine Frau musste die Laute, auf der ich im Urwald nicht verzichten wollte von Wewelsburg bis nach Eldorado umgehängt tragen zu ihrem übrigen Handgepäck, weil sie beim besten Willen nirgends mehr unterzubringen war. Und nun noch dazu einen Vogelbauer ??

In Santos habe ich auch die ersten Bananenstauden gesehen. Als wir zum Schiff zurückkamen, war man noch immer fleißig bei der Arbeit. Aber diesmal ging es herein statt heraus. Eine Trägerkolonne schaffte Sack für Sack den Kaffee zu den Ladeluken auf dem Schiff, während außerdem noch ein mechanisches Laufband lief oder vielmehr zwei, die im rechten Winkel zusammenkamen. Das obere kippte die Last auf das untere, das die Säcke zu einer anderen Luke brachte. In gewaltigen Netzen aus starken Tauen, wurde der Kaffee mit der größten Geschwindigkeit in den Bauch des Schiffes hinuntergebracht. An jeder Luke stand ein Mann, der bei jedem Sack auf den Knopf einer Zähleruhr drückte. Endlich hörte das Rattern der Winden auf.

Fortsetzung folgt schon bald…

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