Die Geschichte meiner Auswanderung und meines Siedlerlebens im argentinischen Urwald, in Eldorado (Misiones).
Von Franz Lüttig (20.9.1898 – 29.4.1978), Wewelsburg, Kreis Büren (Westfalen).
Beim Anlegen des Schiffes trauten wir unseren Augen nicht. Flink wie Katzen waren die Inselbewohner bald oben auf dem Deck, das im Nu einem Basar mit allen möglichen Kostbarkeiten glich. Uns wurden bezaubernd schöne Souvenirartikel angeboten in Gold und Silber, gewebte Stoffe mit schönen Mustern, Teppiche in bescheidener Größe, dass man sie auch mitnehmen konnte, Schnitzereien aus Elfenbein, und so fort. Alles landeseigener Herkunft. Die Beredsamkeit der Händler war einfach nicht zu bändigen. Etwas musste man ihnen schon abkaufen, ob man wollte oder nicht. Als die Zeit um war, machte der Kapitän kurzen Prozess. Er ließ nach vorheriger Aufforderung das Schiff zu verlassen, dass Fallreep abmontieren. Da die Gefahr drohte bis Rio de Janeiro kostenpflichtig mitgenommen zu werden, verschwand die ganze Gesellschaft schneller noch als sie hergekommen war.
Die Capverdischen Inseln gehören zu Portugal. Sie sind gebirgig mit Erhöhungen bis zu 3000 m. Bis zum Cap Verde an der afrikanischen Westküste sind es nur 600 km. Nun wurde gerade Kurs auf Rio de Janeiro genommen. Kurz vor dem Äquator passierten wir die Insel Sankt Paul Roque, ein Felsblock von circa 300 m im Geviert, schon zu Brasilien gehörig. Die Äquatortaufe war fällig, der Höhepunkt jeder Südamerikafahrt. Die Navigation wurde so ausgesetzt, dass wir sie hinter uns hatten, wenn wir über die imaginäre Linie auf die südliche Erdhälfte hinüberfahren.
Neptun, seit Menschengedenken unbeschränkter Herr über alle sieben Weltmeere, kam persönlich, um die reinigende Zeremonie zu überwachen. Feierlich erhielt man anschließend ein von ihm selbst unterschriebenes Dokument, dass für alle Zukunft seine Gültigkeit nicht verlor und gebührenpflichtig war. Viele zogen es deshalb vor, ungewaschen auf die andere Erdhälfte hinüber zu wechseln. Am Abend wurde dann zur Feier des denkwürdigen Tages ein Festmahl serviert und anschließend gab es ein Tanzvergnügen. Wie das Schiff sich hob und senkte, musste man immer wieder die Richtung ändern, dass man nicht aus dem Gleichgewicht kam. Über uns am nächtlichen Firmament war am Horizont das Kreuz des Südens zu sehen.
Mit uns fuhr ein Bäckergeselle aus Bayern, ein direkter Landsmann des Kapitäns. Um etwas Abwechslung in unsere eintönige Fahrt zwischen Himmel und Wasser zu bringen, hatte der Kapitän versprochen, ein Fassbier zu bezahlen, wenn er richtige bayerische Salzbrezeln zustande brächte. Wir haben weder von dem Bier noch von den Brezeln etwas gesehen. Wer von den beiden die Schuld daran hatte, das weiß ich nicht.
Mit 300 m Abstand fuhren wir bald an der kleinen Insel Fernando de Noronha vorbei, ebenfalls schon zu Brasilien gehörend, unbewohnt, kahl und blos, nacktes Gestein, ohne jede Vegetation. Wenn ich mich recht erinnere, stieg auch auf diesem Felseneiland eine Rauchfahne zum Himmel empor. Sollte der atlantische Ozean einmal austrocknen, hätte man eine Landschaft vor sich, deren Charakter früher auch vulkanische Kräfte mit geformt haben. Die Entfernung von hier zur brasilianischen Küste beträgt 350 km. Aber wir wollen doch nach Rio de Janeiro. Das sind bei geradem Kurs ohne Umwege noch 1500 km. Es dauert also noch einige Zeit, bis wir das Festland an der anderen Seite des Ozeans zu sehen bekommen.
Eines Tages ist es dann soweit. Ein unbestimmbares graues Band zieht sich am westlichen Horizont hin. Ist es eine Dunstschicht, eine Nebelbank? Es ist festes Land, die Ostküste des neuen Kontinents. Wir brauchen nicht lange zu zweifeln. Bald taucht aus dem Dunst ein spitzer Bergkegel hervor. Das ist der Zuckerhut.
Und dann ist auch der Corcovado mit dem riesigen Denkmal des Welterlösers zu sehen, der in gewaltiger Größe mit ausgebreiteten Armen alle segnet, die hier weilen, die hier ankommen oder auch vorüber fahren. „Land, Land im Westen“, geht’s von Munde zu Munde. Von Schaffenslust, von Tatendrang beseelt, begrüßen wir freudig die neue Welt. Ein Monument auf felsenfestem Grunde ragt hoch empor. Mit ausgespannten Armen will Gottes Sohn voll Gnade und Erbarmen uns alle segnen in der weiten Runde.
Fortsetzung folgt schon bald…
Hinterlasse einen Kommentar