Die Geschichte meiner Auswanderung und meines Siedlerlebens im argentinischen Urwald, in Eldorado (Misiones).
Von Franz Lüttig (20.9.1898 – 29.4.1978), Wewelsburg, Kreis Büren (Westfalen).
Es geht weiter nach Süden. Bald sind wir im portugiesischen Hoheitsgewässer. Das Ufer rückt näher und dann haben wir das Land auf beiden Seiten. Wir sind in die Mündung des Tajos eingebogen. Schmal ist die Fahrrinne. Treppen führen überall vom Ufer des Flusses nach oben, wo elegante Luxusvillen neben bescheidenen Wohnhäusern stehen. Mit aller Geduld schleichen wir der Hauptstadt von Portugal entgegen. Denn die Geschwindigkeit ist begrenzt, um an den Ufern nicht zu viel Schaden anzurichten.
Langsam geht es stromaufwärts, und bald liegt es auch schon vor uns: „Lissabon“, neben Konstantinopel und Rio de Janeiro als eine der schönsten Städte des Erdballs gerühmt, terrassenförmig aufgebaut, mit seinen Palästen und Villen, seinen Kirchen und Klöstern, mit elenden Behausungen am Stadtrand und Marmorbauten im Zentrum. Uns werden einige Stunden zugebilligt, um uns das vielgerühmte Juwel aus der Nähe anzuschauen. Da ist vieles anders als bei uns. Die Straßenbahnen sind ohne Seitenwände und haben nur Stützen für das Dach zum Schutz gegen Sonne und Regen. Wir sehen uns den Bahnhof an, ganz in Marmor. Geröstete Kastanien werden uns angeboten. Gern hätten wir noch vieles bestaunt, was die Stadt bietet, aber wir dürfen nicht zu spät kommen. Und es dauert gar nicht lange, da geht es wieder in langsamer Fahrt zurück dem offenen Meer zu.
Nun liegen sechs Tage vor uns, wo wir nur Himmel und Wasser sehen werden. Die Kanarischen Inseln sind unser nächstes Ziel. Aus dem Frühling wird allmählich Sommer. Wenn der Abend Kühlung bringt, setze ich mich manchmal hinten am Heck des Schiffes auf die Bank über der Schiffsschraube und schaue dem Wirbeln der Wassermassen zu, die noch lange nicht zur Ruhe kommen, eine breite Spur, weit in der Ferne endlich dem Blick entschwindend. Die Leuchtfische strahlen in dem aufgewühlten Wasser mit doppelter Stärke ihr grünes Licht aus.
Drinnen im Speisesalon, unserem Gemeinschaftsraum ist es jetzt gemütlich. Es gibt Bücher zum Lesen. In der Schiffsbibliothek ist genug zu haben. Einige meinen von Argentinien, dass die Verfassung des Landes den Ausländern die gleichen Rechte garantiert wie den Einwohnern. Wie gastlich das Land ist, wie zuvorkommend den Einwanderern gegenüber, dass man seine Freude daran haben kann. Alle sind in guter Stimmung.
Welche Opfer drüben auf uns warten, davon wissen wir noch nichts. Jeden zweiten Abend gibt es ein kleines Gesangskonzert. Das ist Sache der Stuarts. Sangesfreudig wie ich bin, stelle ich mich dazu. In Lissabon sind neue Passagiere hinzugekommen, Arbeiter, die zur Maisernte nach Brasilien und Argentinien fahren, jahrein, jahraus. Viele junge Leute sind darunter. Die Seekrankheit ist überwunden. Große Stürme gibt es nicht mehr. Hin und wieder kommt ein trüber Regentag, wo die Sonne sich hinter den Wolken versteckt.
„Und weiter geht’s in Sonnenschein und Regen.
Dort hinter uns liegt die Vergangenheit.
Der flüchtigen Stunde gleich im Strom der Zeit
eilt unser Schiff auf schnellgebahnten Wegen,
mit Hoffnungen, mit Sorgen reich beladen,
in voller Fahrt den dämmernden Gestalten der Zukunft,
die da vor uns liegt, entgegen.“
Hin und wieder begegnen wir einem anderen Dampfer. Dann gibt es ein großes Sirenengetute auf beiden Seiten. So gehen die Tage hin, bis sie dann endlich auftaucht, am südlichen Horizont, die Gruppe der Kanarischen Inseln.
Bei der Ankunft am Kai bietet sich für uns Neulinge ein ungewohntes Bild. Unten wimmelt es von Inselbewohnern mit echt südländischem Temperament und entsprechender Hautfarbe. In ihren kleinen Kähnen fahren sie dicht an die Schiffswand heran und werfen mit angeborener Sicherheit Leinen zu uns herauf. Nun wird gehandelt in allen Valuten der Welt. Es geht um Bananen, Apfelsinen, Mandarinen, Ananas, Wasser- und Zuckermelonen und so fort. Ehrlich sind sie. Der Korb wandert durch unsere Kräfte nach oben, das Geld wird hinein gelegt und schon geht es hinunter und die Ware holen wir herauf. Die Jugend, braungebrannt wie Lederholz, will auch etwas verdienen und taucht nach Geldstücken, die wir ins Wasser werfen. Kristallklar ist es bis auf den Grund. Sekunden dauert es nur, bis sie wieder oben sind und uns ihre Beute zeigen.
Die kanarischen Inseln gehören zu Spanien. Über Ferro, die kleinste der Inseln, lief früher der Nullmeridian, bis die Sternwarte von Greenwich für den Nullpunkt der Längenmessung bestimmt wurde. Nach einigen Stunden hat unser Schiff sich wieder mit dem über aus wichtigen Heizöl voll versehen und die Fahrt geht weiter.
Ich war ständig in Sorge um mein Gepäck und stieg eines Tages in die unteren Lagerräume hinab, um meine Kisten und Kästen nachzuzählen. Da waren gewaltige Ladungen aufgestapelt, durch starke Bohlen in großen Boxen festgehalten, sodass ein Verrutschen auch beim stärksten Sturm unmöglich war. Die größte meiner Kisten, ein Kleiderschrank, mit allem Möglichen vollgepackt, war auch dabei. In Wewelsburg reichten die Gewichte nicht hin. Sodass man ihn abschätzen musste. Später auf dem Zollamt in Buenos Aires stellte sich heraus, dass er 150 kg mehr wog, nicht zu meinen Ungunsten.
Inzwischen rückten die Capverdischen Inseln immer näher und mit ihnen der Äquator. Aus dem kalten Winter war binnen kurzer Zeit tropischer Hochsommer geworden. Pünktlich am siebten Tag seit unserer Abfahrt von den Kanarischen Inseln, zeigt sich am Horizont eine Rauchfahne. Dann kam die Spitze eines Berges über die Kim und da bot sich bald die Übersicht über die Insel Gruppe. Hier habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen rauchenden Vulkan gesehen, ein friedliches Bild, so dass man ganz gut denken könnte, dass in der Tiefe unter dem Meeresgrunde ein großes Festmahl veranstaltet würde und der Rauch aus der großen Küche stamme, wo dafür gekocht und gebraten wurde.
Fortsetzung folgt schon bald…
Hinterlasse einen Kommentar