Die Geschichte meiner Auswanderung und meines Siedlerlebens im argentinischen Urwald, in Eldorado (Misiones).
Von Franz Lüttig (20.9.1898 – 29.4.1978), Wewelsburg, Kreis Büren (Westfalen).
…Kurz vor meiner Abreise erschien im „ Stürmer“ ein sehr gehässiger Artikel gegen mich. Unser alter Pfarrer, der geistige Rat Johannes Pöppelbaum, forderte mich auf, ich sollte mich wehren.
Ich habe ihm geantwortet, dass ich stolz darauf wäre, von den Nationalsozialisten in aller Öffentlichkeit als ihr Gegner hingestellt zu werden. Die Zukunft würde es zeigen, wer den richtigen Standpunkt hätte.
Am 18. Januar 1933 habe ich mit meiner Frau Justine, geborene Fuest, am Tage unserer Hochzeit Wewelsburg verlassen. Nach kurzem Aufenthalt in Telgte bei Münster, wo mein Bruder eine tierärztliche Praxis hatte, fuhren wir über Rheine, Ibbenbühren, Osnabrück durch die norddeutsche Tiefebene der alten Hansestadt an der Wesermündung zu. Der Schaffner im Zug wusste gleich, dass er Auswanderer vor sich hatte und sagte: ihr kommt zurück. Er sprach wohl aus langjähriger Erfahrung. Aber wir waren anderer Meinung.

In Bremen half uns ein Herr vom Rafaelsverein für katholische Auswanderer, dass wir in der Nähe des Bahnhofs zu annehmbaren Preisen Unterkunft fanden. Die Stadt mit allen Sehenswürdigkeiten, Dom, Rathaus, Rolandssäule, Völkermuseum konnten wir nur im leichten Nieselregen besichtigen. Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter. Viele Kanäle durchziehen die Stadt, die, im Rhythmus von Elbe und Flut, sich füllen und leeren
Am 25. Januar 1933 in der Frühe ging es dann zu einem Sonderbahnsteig der Schifffahrtsgesellschaft, von wo aus der Zug uns nach Bremerhaven brachte. 90 km waren es bis dahin. Ich hatte Mühe, mein Gepäck zum Bahnhof zu schaffen. Mich plagte ein schwerer Anfall von Rheuma, und bei dem Handgepäck war noch ein großer Schraubstock, den ich im letzten Augenblick noch billig bekommen hatte. Vom Rheuma haben mich später die vielen Schwitzkuren im Urwald endlich geheilt. Es dauerte mehrere Stunden bis wir in Bremerhaven ankamen und direkt am Kai unser schönes Schiff, fertig zur Abfahrt, vor uns liegen sahen.
Die „Sierra Nevada“ von der Südamerikalinie. Mein Schwager war bei Regen und Kälte mit dem Rad nach Bremen gefahren und von da weiter nach Bremerhaven. Es läutete auf dem Schiff gerade zum Mittagessen. Die Zeit langte hier zu einer guten Mahlzeit mit Linsensuppe und Pflaumen. Dafür war das Abschiednehmen dann etwas überstürzt. Denn schon kam das Signal: „Freunde von Bord!“ Er musste sofort zum Lande zurück, denn das Fallreep wurde schon eingezogen. Die Bordkapelle intonierte das übliche „muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus“, und die Schiffsschraube sang dann ihre eigene Melodie dazu. Winken auf beiden Seiten, bis nichts mehr zu erkennen war.
Ich ging mit meiner Frau in den Tagesraum hinunter, wo auch das Essen serviert wird. Die ersten Bekanntschaften hatte man schon im Zug gemacht, der uns nach Bremerhaven gebracht hatte. Neue kamen hinzu. Durch das Bullauge ging der Blick über die weite Wasserfläche der Wesermündung. Die immer breiter wurde, sodass man die Ufer bald nicht mehr sehen konnte. Große Eisschollen tründelten an der Schiffswand entlang. Der Lotse, der bis dahin das Schiff unter seinem Kommando gehabt hatte, ging von Bord. Mittels einer Strickleiter kletterte er in das Motorboot hinein, dass ihn wieder zum Hafen zurück brachte. Nun musste sich unser Schiff auf eigene Verantwortung seinen Weg zu dem fernen Ziel suchen. Die Sonne stand schon tief und ihre Strahlen zogen über den weiten Wasserspiegel eine breite Lichtbahn auf uns zu.
Ich steige noch einmal zum Deck hinauf, ob nicht doch noch irgendwo etwas vom Lande zu sehen ist. Nur Wasser weit und breit. Das Meer ist ruhig. Aber es ist ja auch noch gar nicht der Ozean. Wir sind immer noch in der Wesermündung. Es ist bitter kalt. Eisschollen gibt es nicht mehr. Hin und wieder kommt ein Dampfer, der die Weser hinunter fährt. Mit unserem Schiff kann er sich nicht messen. Kleinere und größere Fahrzeuge begegnen uns, die nach Hause wollen. Es läutet zum Nachtessen. Unten im Speiseraum ist es warm. Der erste Abend auf dem Schiff. Manchem ist es wohl etwas schwer ums Herz. Die Gedanken wandern zurück zu den lieben, die man in der Heimat zurückgelassen hat.
Aber schon holt einer, der aus dem Weserbergland stammt und mit seiner ganzen Familie sich in Brasilien ansiedeln will, seine Mandoline hervor. Immer neue Melodien entlockt er dem Instrument, vertraute Klänge aus der Heimat, all‘ die schönen, altbekannten Lieder, sodass man am liebsten mitsingen möchte.
Fortsetzung folgt schon bald…
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